Fresh Guide

Berliner Nachtleben stillgelegt

Berlin, 13.03.2020.

Alle 280 Berliner Clubs und Club-Veranstalter müssen nach Anordnung des Berliner Senats ab diesem Dienstag bis zum 20. April 2020 schließen und ihre Programm einstellen. Es wird allerdings laut des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller erwartet, dass die Spielstätten bereits ab sofort geschlossen bleiben.

Es ist Freitag, der Dreizehnte. Wer bislang keinen Aberglauben hatte, der wurde nun eines Besseren belehrt. Das Berliner Nachtleben wurde am heutigen Tage für mindestens fünf Wochen behördlich lahmgelegt. Wo sonst an 24 Stunden pro Tag zehntausende Menschen sich versammeln, einander kennen lernen und Musik, Kunst und andere kulturelle Darbietungen dargeboten werden, herrscht ab heute Totentanz.

Den Spielstättenbetreibern ist ihre soziale Verantwortung bewusst. Dennoch stehen sie vor einem großen Dilemma: Da der Regierende Bürgermeister seine Erwartung zum Ausdruck gebracht hat, dass alle Musikspielstätten bereits ab heute schließen, auch ohne eine behördliche Anordnung erhalten zu haben, bringt dies die Betreiber in zusätzliche Schwierigkeiten. Denn ohne eine amtliche Verfügung führt dies zu Anspruch auf Regress seitens Dienstleistern wie Fremdveranstaltern, Securities und Technikfirmen gegenüber den Betreiber*innen. Da bei ausgefallen Veranstaltungen aber keine Einnahmen erzielt werden, fehlt den Betreiber*innen eine Gegenfinanzierung.

Mit dieser weitreichenden Entscheidung, alle Clubs zu schließen, sind auf einen Schlag über 9.000 Mitarbeiter*innen, sowie weitere 20.000 Künstler*innen ohne Beschäftigung – und die Clubs ohne Einnahmen. Viele Berliner Clubs haben bereits heute vorsorglich Insolvenz angemeldet, da sie sonst Gefahr laufen, Insolvenzverschleppung zu betreiben. Gleiches gilt auch für Festivals, Labels und Bookingagenturen, sowie zahlreiche Freelancer im Marketing, Design, sowie Licht- und Tontechnik. Es ist absehbar, dass diese Entwicklung Clubkulturbetreiber*innen in den wirtschaftlichen Ruin führen wird, denn vor allem die privatwirtschaftlich agierenden Musikspielstätten, die in der Regel ohne öffentliche finanzielle Unterstützungen auskommen, sind ohne die notwendigen Erlöse nicht überlebensfähig und agieren in ihrer Kosten-und Erlösstruktur im Grenzkostenbereich.

Bereits am Montag forderte die Clubcommission den Senat in einem Schreiben auf, ein Rettungspaket in Höhe von 10 Millionen Euro für Berliner Clubs und Veranstalter bereitzustellen.

Laut der Studie „Clubkultur Berlin 2019“ beschäftigt ein Berliner Club im Schnitt 30 Mitarbeiter*innen und ist dadurch ein relevanter Arbeitgeber der klein- und mittelständischen Kreativ- und Kulturwirtschaft. Knapp ein Viertel der Berlin-Besucher*innen kommen wegen der Clubkultur nach Berlin. Dies führt zu jährlich 1,48 Mrd. € Einnahmen bei Hotels, Nahverkehr und Einzelhandel.

Ohne öffentliche Hilfe wird die Berliner Clubszene diese Zäsur nicht überleben - und damit wird auch ein großer Teil ihrer kulturellen Vielfalt verloren gehen. Gleichzeitig wird der Wirtschaftsstandort Berlin langfristig erheblichen Schaden nehmen. Die Clubcommission hat erste Maßnahmen eingeleitet, um die Liquidität der Betriebe möglichst lange aufrecht zu erhalten. Außerdem steht sie in Kontakt mit Banken und Crowdfunding-Anbietern, sowie verschiedenen Berliner Senatsverwaltungen, um einen Rettungsfonds für soziale Härtefälle einzurichten.